Sammlung Payer
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Die Sammlung Anton Payer, 1883



Die Sammlung Payer (Inv.Nr. 16574 - 16610) zeichnet sich durch einen Bestand an sehr wertvollen alten Kleidungsstücken aus, die innerhalb der südostasiatischen Sammlungen in Wien als ausgesprochene Unikate angesehen werden können. Es sind dies Hofkleider für Pagen, für Vornehme mittleren Ranges, für sehr angesehene Aristokraten, auch ein Galakleid "moderneren" Zuschnitts und ein reich besticktes Seidengewand fehlen nicht. Payer hat in seinem Sammelinteresse auch die Tracht des einfachen Volkes nicht vergessen, ebensowenig wie die buddhistischer Mönche. Der Sammler dürfte auch ein Freund alles Gedruckten gewesen sein, hat er doch in seine Sammlung zahlreiche Proben von Papier aufgenommen, ebenso wie die Prunkausgabe des "Kommentar einer Pali-Grammatik" in 22 Bänden, auf Palmblättern mit vergoldeten Rändern geschrieben, von Payer um 300 fl in Thailand erworben (Inv.Nr. 16605). Ein einzigartiges Stück stellt der erste Teil einer Pali-Grammatik, gedruckt in Ariaka-Lettern, dar (Inv.Nr. 16607). Dieses Werk war von König Mongkut, dem Vater des thailändischen Königs Chulalongkorn, selbst in Druck gegeben worden. 200 Exemplare ließ er an buddhistische Priester verteilen. Payer erhielt es "von seinem Lehrer als Geschenk". An weiteren Büchern findet sich eine Sammlung religiöser Lieder und Gedichte, verfaßt von König Mongkut (Inv.Nr. 16608), ein Buch in Sanskrit, das der Sammler für 100 fl erworben hatte. Interessant auch ein von Payer selbst verfaßtes Werk, eine Vergleichstabelle von Pali, Sanskrit, Ariaka, siamesischen und birmanischen Lettern (Inv.Nr. 16610) sowie ein Katalog des Museums in Bangkok (Inv.Nr. 16606), gedruckt 1881 aus Anlaß des königlichen Geburtstages. Dieser "Katalog" enthält einen kurzen Abriß zur Geschichte, Kultur und Geographie Europas.


Anton Payer kam am 21. Juli 1853 als Sohn des k.k. Oberrealschuldirektors Josef Payer in St. Andrä (Kärnten) zur Welt. Er studierte von 1871 bis 1875 in Wien Physik, Mathematik und Germanistik. Danach lehrte er als Gymnasialprofessor in Wien, rückte aber wenig später freiwillig zur Artillerie ein. Während einer Waffenübung in Bruck an der Leitha erkrankte Payer an Typhus und desertierte - angeblich im Delirium - über Teschen, Dresden und Berlin nach Hamburg.

Er heuerte als Schiffsjunge auf dem deutschen Dampfer "Heimdall" an. Auf diese Weise kam er nach Bangkok, wo ihm der k.k. Konsul ermöglichte, das Schiff zu verlassen, und ihm zu einer Anstellung als Handlungsgehilfe im deutschen Importgeschäft "Möllner und Meisner" verhalf. Da er in sprachlicher Hinsicht und im Zeichnen außerordentlich talentiert war, wurde Payer vom k.k. Konsul als Page des Privatsekretärs des thailändischen Königs untergebracht. Payer begleitete den Monarchen auf einigen Ausflügen ins Landesinnere, wo er sich durch sein zeichnerisches Talent die Gunst des Herrschers erwarb.

Um die Mitte des Jahres 1878 trat Payer zum Buddhismus über. Er erschien nicht mehr in europäischen Gesellschaften und lebte in einem Tempel, um sich Kenntnisse des Sanskrit und des Pali anzueignen. Er trug die Robe buddhistischer Mönche und bemühte sich um seinen Austritt aus dem österreichischen Staatsverband und die Annahme der siamesischen Staatsbürgerschaft. Sogar sein Vater intervenierte in dieser Sache, und Ende April 1878 erhielt Payer die notwendige Bewilligung des Reichs-Kriegsministeriums. In der Folge hatte Josef Payer allerdings noch zweimal um die Genehmigung der Auswanderung bei der Landesregierung in Klagenfurt anzusuchen.

Anton Payer verblieb drei Jahre im Tempel, wurde aber nicht als Mönch aufgenommen. Daher verließ er den Tempel und kehrte 1881 in den Dienst des Königs zurück. Payer erwarb sich in Siam große Verdienste um die vorbereitenden Arbeiten zur Einführung eines Volksschul- und Wehrgesetzes nach österreichischem Muster. Er heiratete sogar eine Tochter des Königs.

Im Jahre 1883 kam er auf Urlaub nach Österreich und trat hier in "ziemlich exotischer" Kleidung auf. Mit sich führte er eine Anzahl wertvoller ethnographischer Objekte sowie Manuskripte, die er im April 1883 in Form einer Schenkung dem k.k. naturhistorischen Hofmuseum übertrug (Post XII/1883). Vom Intendanten des k.k. naturhistorischen Hofmuseums wurde die Kollektion als "höchst interessant und wertvoll" bezeichnet. Als Dank für diese erste Schenkung und um Payer gewogen zu erhalten, beabsichtigte das Oberhofmeisteramt, die Verleihung einer "allerhöchsten" Auszeichnung für den Spender zu beantragen.

Statt dieser ursprünglich vorgeschlagen Ordensverleihung, erhielt Payer am 24. Oktober 1883 in Anerkennung und als Entschädigung für die Schenkung lediglich 50 fl in Gold ausbezahlt. Bereits zwei Tage danach beging der Sammler in Wien Selbstmord. Da Payer bereits 1878 die siamesische Staatsbürgerschaft erhalten hatte, forderte die thailändische Regierung die in der Sammlung enthaltenen 26 Pläne der Ruinenstadt Lop Buri zurück. Da diese Pläne "ohne ihre wissenschaftliche Erläuterung weder für die Sammlungen noch für die Bibliothek der Anthropologisch-ethnographischen Abteilung von Wert seien", wurden sie an Thailand zurückgestellt.


Die Sammlung Payer hebt sich aus zwei Gründen aus den südostasiatischen Beständen besonders heraus. Erstens enthält sie Stücke, die als Unikate von einmaligem Wert sind, und zweitens wurde sie von einem Sammler angelegt, der wie kein zweiter sein eigenes Denken und Handeln an das seiner Wahlheimat adaptiert hat (Konversion zum Buddhismus, Übernahme der siamesischen Staatsbürgerschaft uvm.). Anton Payer war ein Wanderer zwischen zwei Kulturen, von denen er die eine nicht völlig ablegen und sich an die andere nicht vollständig anpassen konnte. Darin liegt die Tragik im Leben dieses Sammlers, der, obwohl zweifellos in sprachlicher und künstlerischer Hinsicht hochbegabt, auch in Siam nie wirklich Fuß fassen konnte und keinen seiner Begabung entsprechenden Beruf auszuüben imstande war. Diese Frage der eigenen Identität im Spannungsfeld zweier Kulturen ist insbesondere auch im heutigen Zeitalter der Globalisierung und Migration aktuell wie ehedem, sie ist zeitlos, und alle die sich ihr stellen oder stellen müssen gebührt Respekt.

Quellen:
Wiener Völkerkundliche Mitteilungen, N.F. BD. 30/31, JG. 1988/89
Österreichisches Biographisches Lexikon, Handschriftenkatalog-Wienbibliothek





Museum für Völkerkunde
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